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Berlin MDs

Medizinische Komödie, Drama, Tragödie, Lustspiel und Volkstheater

Gastspiel mit Berliner Hauptdarstellern


Sonntag im Labor

Sascha am 31.10.05


"Kannst Du mir am Sonntag ein bisschen im Labor helfen" war die Frage, die mein Chef mir irgendwann letzte Woche stellte.

Gestern dann, über dem Inntal scheint die Sonne von einem wunderbar blauen Himmel, finde ich mich im Keller eines grossen Labors in Innsbruck wieder. Vor mir läuft langsam aus einem Tropf, weit verzweigt durch kleine Schläuche und Zwischenstücke, Fixationslösung durch winzige Flexülen, die in den Truncus Pulmonalis toter neugeborener Ratten münden. Von dort strömt die konservierende Flüssigkeit durch die Lungengefässe der Tiere zurück in den linken Vorhof, in den man ein Loch geschnitten hat, aus dem sie dann am Körper der Tiere hinab rinnt.

Die Luftröhre der Tiere ist über eine Nadel mit einer Art Beatmungsgerät verbunden. Mit einem konstanten Druck strömt Luft in die kleinen Lungen, um sie gleichmässig offen zu halten.

Nach einer halben Stunde sind die Atemorgane der kleinen Tiere fest, blutleer und sehen weisslich aus. Ich nehme die Ratten von der Beatmung und dem Fixationstropf um ihnen in einer Art Operation - oder eher Sektion - die winzigen Lungen zu entnehmen und sie in beschrifteten Töpfchen zu lagern. Später sollen sie geschnitten und mit aufwändigen Techniken mikroskopiert werden.

Nach 8 Stunden - alle Tiere sind präpariert - dröhnt mir der Kopf vom Geruch des Formalins, ich habe Hunger und wanke müde nach hause. Es ist abends um 22.00 Uhr und die Sonne über dem Inntal scheint schon lange nicht mehr.

Auf dem Weg finde ich es seltsam, wie wenig Angst und Ekel ich empfunden habe. Mehr gespanntes Interesse für die Anatomie der Tiere und Konzentration auf die handwerklich ziemlich knifflige Aufgabe. Vielleicht hat ja dieses Medizinstudium meinen Blickwinkel auf vieles verändert - sicher aber nicht nur auf tote Ratten...

Berlin MD.

"Sklaven in Weiß"

Sascha am 29.10.05

»Deutschland versorgt die Welt mit Ärzten. Wir sind verrückt.«

"Die Zeit" hat einen extrem interessanten Artikel ("Sklaven in Weiß") über Arbeitsbedingungen und Alltag der Ärzte in der Berliner Charité. Passenderweise ist auch von Österreich die Rede, vom Weggang junger Ärzte und den Wirrungen deutscher Gesundheitspolitik und Lobbyarbeit.

Danke an Ben Paarmann für den Tip!

Berlin MD.

Mein erstes Neugeborenes

Sascha am 27.10.05

Puuh, was für ein Tag. Ich habe heute zum ersten mal ein frisch geborenes Kind selbst erstuntersucht. Termingeburt, Kaiserschnitt, 4200g (ganz schön dickes Ding) und kerngesund (Apgar 9/10/10). Was für ein erhebendes Gefühl. Ich war der erste, der das kleine Herz gehört hat und die Lungen. Nachgeschaut ob alles dran ist und da wo's hingehört. Trocken gerubbelt und in warme Tücher gewickelt. Seine ersten 10 Minuten hat der kleine Dicke mir geschenkt!

Als das ganze vorbei war, hatte ich einen Rausch, das könnt Ihr Euch nicht vorstellen. Adrenalin und Glückshormone pur. Danke kleiner Dicker!

Berlin MD.

Lustiges aus der Medical Blogosphere

Sascha am 26.10.05

Da ich weder Soldaten noch sonst irgendwen in der Stadt angetroffen habe und das ewige schlendern durch leere Strassen, herumsitzen in Kaffeehäusern und mittagsschlafen in der Herbstsonne irgendwann auch langweilig wurde, habe ich drei lustig zu lesende Artikel für medizinisch interessierte und uninteressierte herausgesucht:


The Lingual Nerve schreibt über die schwierige Suche nach einem Penis und resümiert, dass es manchmal gut ist Arzt im Dienst zu sein.

Bei The Science Creative Quarterly kann man die Story des Polio Virus' als Comic runterladen, lesen, anschauen und sich amüsieren.

Doc Emer von Parallel Universes hatte schon vor längerer Zeit einen Artikel über eine chinesische Hautcreme von Toten. Das ist zwar unglaublich und widerlich, aber lest selbst...


Na gut, soviel dazu... ich werde mal schlafen gehen um morgen wieder der beste PJler von ganz Österreich zu sein!

Berlin MD.

Nachtrag Salutschüsse...

Sascha am 26.10.05

Hier noch ein kleiner Nachtrag zu meinem erstaunten Artikel über die starke militärische Präsenz in Innsbruck am Tag nach meiner Ankunft. Natürlich hatte dies andere Gründe.

Heute ist Österreichischer Nationalfeiertag (hier für alle verständlich erklärt) und da das glorreiche Ösiheer nicht so gross ist, mussten sie in Innsbruck schon ein bisschen vorfeiern um heute alle zur grossen, nie dagewesenen Militärparade nach Wien fahren zu können dem "Event der Superlative"
"7.510 m Länge, 4.040 Soldatinnen und Soldaten, 195 Panzer und rund 100 Luftfahrzeuge - wenn das Österreichische Bundesheer zur großen Jubiläumsparade lädt, erwartet die österreichische Bevölkerung ein Event der Superlative..."

Jedenfalls habe ich frei, draussen sind 20 Grad, ich fahre sicher nicht nach Wien und werde einfach ein bisschen durch Innsbruck spazieren und mich auf die Suche nach der nichtmilitärischen Seite dieses Feiertags begeben um hier darüber zu berichten.

Berlin MD.

Der erste Schultag

Sascha am 25.10.05

Hier an dieser Stelle nur ein kurzer Bericht über meinen ersten Tag in der Klinik. Meine Erwartungen waren gleich Null - als Berliner Medizinstudent ist man für den ersten Praktikumstag eigentlich nur im Weg stehen und Langeweile gewohnt.

Ich dagegen werde gleich nach der Morgenbesprechung um 7.45 Uhr (ganz human oder?) mit in die Perinatologische Besprechung geschickt - Gynäkologen und Pädiater besprechen was die Nacht an Babys und Hochschwangeren gebracht hat und was vom Tag so zu erwarten ist - und finde mich kurze Zeit später zwischen 10 Neugeborenen auf der Wochenbettstation im "Kinderzimmer" wieder und mache zusammen mit der Assistentin dort ein paar Erstuntersuchungen. Schöne Montagvormittagsbeschäftigung!

Dann geht's ab zu einem Kaiserschnitt. Ein Baby wird in der 36. Schwangerschaftswoche, also etwas zu früh geholt. Absaugen, bisschen Sauerstoff, Herz, Pulse, Reflexe - alles super. Ich schaue über die Schulter und untersuche mit. Spannend!

Als das erledigt ist, sitze ich plötzlich im Ultraschall, sehe Babys und grössere Kinder mit allen möglichen Erkrankungen und bekomme von vorne bis hinten alles super erklärt.

Der krönende Abschluss ist nachmittags eine Sectio in der 26. SSW. Viel zu früh also - im 7. Monat. Ab der 24. Woche sind die Babys überhaupt erst lebensfähig. Das ca. 900g schwere Kind wird abgetrocknet, in Folie eingewickelt, abgesaugt, per CPAP Maske beatmet, kriegt einen Zugang (GottWeissWieSoEtwasGeht I), atmet nach 10 Minuten immernoch nicht spontan, bekommt Ketanest, wird intubiert (GottWeissWieSoEtwasGeht II), bekommt Surfactant in die Lungen appliziert, hat plötzlich massive Sättigungsprobleme die behoben werden (GottWeissWieSoEtwasGeht III), wird im Inkubator untergebracht und muss dann schliesslich im Laufschritt den Kilometer durch die Katakomben zwischen Kinder- und Frauenklinik transportiert werden, weil der mobile Sauerstoff langsam knapp wird.

Mein erster Schultag war super - auch wenn meine Eltern und meine Freunde nicht zur Einschulung gekommen sind!

Berlin MD.

Salutschüsse zu meinen Ehren

Sascha am 24.10.05

Da bin ich also. Nachdem mich Berlin nicht so richtig loswerden wollte - mein Zug brauchte wegen irgendwelchen Gleis- und Oberleitungsschäden 3 Stunden länger als geplant - begrüsst mich Innsbruck auch nicht gerade wie einen alten Bekannten, den man lange vermisst hat.

Nachts um halb eins stehe ich in der Bahnhofshalle, sehe dann noch ein bisschen Österreichisches Taxi von innen und liege eine Stunde später auf dem harten Boden der Realität, also des Büros in dem ich erstmal schlafe.

Am nächsten morgen treibt mich der Hunger die 20 Minuten Fussweg zum Bahnhof zurück. Irgendwie ist alles viel grauer als letztes mal und vor allem viel leerer. Sonntagmittag in Innsbruck scheint so 'ne Art Sperrstunde zu sein. Keine Menschenseele auf der Strasse!

Nachmittags hab ich mich dann doch noch mal rausgetraut. Und was muss ich sehen. Innsbruck begrüsst mich mit militärischen Ehren. Die ganze Stadt ist plötzlich voll mit Soldaten, Panzerwagen fahren an mir vorbei und getarnte Geländewagen, in denen österreichische Kinder durch die Stadt gekutscht werden. Vor dem Museum steht ein Funkpanzer mit einem 20m hohen Radararm. Am Goldenen Dächle gibt es eine Antiterror - Performance. Jeeps mit Maschinengewehren stehen an jedem Ende des historischen Marktes, dazwischen Sandsäcke hinter denen Soldaten mit schweren Waffen stehen und ein ziviles Auto mit selbstgemaltem tschechischem Kennzeichen. Mindestens 200 Einheimische und italienische Touristen stehen drumherum und klatschen Beifall. Super!

In den nächsten Minuten Stadtspaziergang sehe ich zusammengefasst: Kinder, die an Panzerfäusten herumspielen, Armeekräne mit Brückenteilen (auch von Kindern mit grosser Freude hin und her geschwenkt), hunderte Soldaten, hunderte alte Soldaten mit tausenden von Orden und lustigen Bärten, wieder so'n Jeep mit Kindern auf Stadtrundfahrt, österreichische Militärfahrzeugtechnik vom feinsten - meist mit bedeutungsschwangeren Kennzeichen wie "I - Army 1", Armeeblaskapellen die CDs verticken, auf Chartplätze hoffen und diese wahrscheinlich auch erreichen und nicht zuletzt viele getarnte Autos, getarnte Gebäude, getarnte Soldaten und natürlich hunderte getarnte Kinder. Vielleicht war es nur wegen der guten Tarnung vormittags so leer in Innsbruck.

Irgendwie hatte ich das Gefühl, ich hatte den falschen Zug genommen und war mitten im Moskau der Achziger Jahre gelandet - oder besser dem, was schlechte Hollywood Studios damals oft daraus gemacht haben.

Berlin MD.